Der unzerstörbare Kult: Die faszinierende Geschichte von WordPerfect Office

Corel WordPerfect Office Standard 2021Wenn man heute an Büro-Software denkt, schießt den meisten sofort Microsoft Office oder Google Docs in den Kopf, manchen sicherlich auch SoftMaker Office und wenige andere. Doch es gibt da auch noch einen legendären Namen, der einst die unangefochtene Nummer eins war und für eine treue Fangemeinde bis heute die absolute Krone der Textverarbeitung hält: WordPerfect.

Die Geschichte von WordPerfect gleicht einer Achterbahnfahrt der Tech-Historie – von den bescheidenen Anfängen im US-Bundesstaat Utah über die absolute Weltherrschaft auf den DOS-Bildschirmen der 1980er Jahre bis hin zum harten Verdrängungswettbewerb und dem heutigen Dasein als hochspezialisiertes Kult-Werkzeug.

Hier ist die faszinierende Reise von WordPerfect, einem Programms, das einfach nicht unterzukriegen ist.

Die Anfänge von WordPerfect: Vom Uni-Projekt zum Standard

Die Geschichte beginnt im Jahr 1979 an der Brigham Young University in Utah. Der Informatikprofessor Alan Ashton und sein genialer Student Bruce Bastian entwickelten ursprünglich eine Software für Minicomputer, um die Marschformationen der Universitäts-Band in 3D zu visualisieren. Kurz darauf erkannten sie das Potenzial für eine neuartige Textverarbeitung und gründeten die Firma Satellite Software International (später WordPerfect Corporation).

Als im November 1982 die erste Version für den IBM-PC auf MS-DOS-Basis erschien, änderte sich alles. WordPerfect verfolgte eine radikal andere Philosophie als die damalige Konkurrenz (wie der damalige Marktführer WordStar):

  • Der clevere „Blank Screen“: Statt den Bildschirm mit komplizierten Menüs, Rändern und Statuszeilen zu überladen, war der Monitor bei WordPerfect fast komplett leer. Es gab nur den blinkenden Cursor auf schwarzem Grund – pure Konzentration auf das Schreiben.
  • Volle Hardware-Ausnutzung: Das Programm wurde direkt in x86-Assemblersprache geschrieben. Dadurch lief es rasend schnell und holte das Maximum aus den damaligen Druckern heraus.
  • Legendärer Support: WordPerfect bot kostenlose Hotline-Unterstützung ohne Ablaufdatum. Die Support-Mitarbeiter (zeitweise saßen dort tausende) wurden so populär, dass sie Warteschleifen-Musik live einspielten.

Mit dem Erscheinen der Versionen 4.2 (1986) und dem legendären WordPerfect 5.1 (1989) war der Siegeszug perfekt. WordPerfect hielt zeitweise über 60 % des US-Marktes. Wer im Büro, in einer Kanzlei oder an der Universität Texte schrieb, tippte blind die Tastaturkombinationen wie F7 (Speichern/Schließen) oder Shift+F7 (Drucken).

Der „Windows-Schock“ und die Übernahmeschlacht

Anfang der 1990er Jahre vollzog die Computerwelt den historischen Wechsel von der rein textbasierten DOS-Oberfläche zu grafischen Betriebssystemen – namentlich Windows 3.0 und 95.

Hier beging das Management von WordPerfect einen fatalen strategischen Fehler: Man unterschätzte den Erfolg von Windows und zögerte die Entwicklung einer Windows-Version hinaus. Währenddessen entwickelte Microsoft sein Programm Word von Grund auf für die eigene grafische Oberfläche. Als WordPerfect im Jahr 1991 endlich eine Windows-Version nachlieferte, war diese fehleranfällig und träge. Microsoft zog unaufhaltsam vorbei.

Es folgte eine unruhige Zeit der Besitzerwechsel:

  1. 1994 kaufte der Netzwerk-Riese Novell die WordPerfect Corporation für 1,4 Milliarden Dollar, um ein Gegengewicht zu Microsoft aufzubauen – das Projekt scheiterte.
  2. 1996 übernahm der kanadische Software-Spezialist Corel das Programm für einen Bruchteil der ursprünglichen Summe und baute es zur Suite WordPerfect Office (inklusive der Tabellenkalkulation Quattro Pro und Presentations) aus.

Die Gegenwart: Lebendig, modern und immer noch da

Wer jetzt glaubt, WordPerfect sei in den Geschichtsbüchern verstaubt, irrt sich gewaltig. Unter der Flagge von Corel wird WordPerfect Office bis heute weiterentwickelt und vertrieben (die aktuellste Version läuft reibungslos auf Windows 10 und Windows 11).

Es ist kein reines Nostalgieprodukt, sondern eine interessante Office-Suite, die sich  mit aktuellen Microsoft-Office-Formaten (.docx, .xlsx) versteht, umfassende PDF-Bearbeitung nativ beherrscht und im klassischen Gewand daherkommt.

Was macht WordPerfect Office auch heute noch so speziell?

Warum wechseln bestimmte Anwender – allen voran Anwälte, Gerichte, Behörden und Romanautoren – bis heute nicht zu Microsoft Word oder Google Docs? Es gibt drei einzigartige Features, die WordPerfect in den Augen seiner Fans unersetzbar machen:

1. „Reveal Codes“ (Steuercodes anzeigen) – Das Killer-Feature
Jeder kennt den Frust in Word: Man verschiebt ein Bild oder ändert eine Überschrift, und plötzlich zerschießt es die Formatierung des gesamten restlichen Dokuments, ohne dass man versteht, warum.

WordPerfect löst das genial über die Tastenkombination Alt+F3. Der Bildschirm teilt sich und zeigt im unteren Bereich die exakten „Steuercodes“ (ähnlich wie HTML-Tags) an. Der Nutzer sieht genau, wo ein Fett-Befehl anfängt, wo ein Absatz endet und wo eine Schriftart wechselt. Man kann diese Codes wie Text löschen oder verschieben. Diese absolute, fehlerfreie Kontrolle über das Layout bietet kein anderes Programm der Welt.

2. Perfekt für die Juristerei (Legal-Features)
In US-amerikanischen und internationalen Kanzleien ist WordPerfect nach wie vor ein Geheimtipp. Das Programm verfügt über unübertroffene Automatisierungswerkzeuge für juristische Dokumente: von der kinderleichten Erstellung komplexer Inhalts- und Quellenverzeichnisse (Table of Authorities) bis hin zur präzisen, fortlaufenden Zeilennummerierung am linken Rand, die bei Gerichtsdokumenten zwingend vorgeschrieben ist.

3. Makros mit echter Programmierpower
Die Makro-Sprache von WordPerfect gilt unter Power-Usern als deutlich stabiler und mächtiger für die reine Textautomatisierung als Microsofts VBA. Ganze Verträge, Urkunden oder Bücher lassen sich per Knopfdruck aus Textbausteinen fehlerfrei zusammensetzen – ein System, das über Jahrzehnte in vielen Institutionen gereift ist und dort wie ein Schweizer Uhrwerk läuft.

Fazit: WordPerfect hat den Kampf um den Massenmarkt zwar vor Jahrzehnten verloren, aber es hat überlebt, weil es in seiner Nische Perfektion bietet. Es ist das Werkzeug für Schreib-Profis, die keine bunten Assistenten wollen, sondern die absolute, kompromisslose Kontrolle über jedes einzelne Zeichen auf dem Papier. Einzige Manko für deutsche Anwender: es wird nur noch mit englischer Benutzeroberfläche angeboten.

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