Bevor Microsoft Word auf praktisch jedem Windows-PC zu finden war, gab es eine andere Textverarbeitung, die in Büros, Unternehmen, Behörden und bei professionellen Anwendern einen hervorragenden Ruf hatte: WordPerfect.
Heute wirkt der Name auf viele wie ein Relikt aus einer anderen Computerzeit. Dabei steckt hinter WordPerfect eine bemerkenswerte Geschichte. Das Programm gehörte über Jahre zu den wichtigsten Textverarbeitungen überhaupt und war für viele Anwender schlicht der Standard.
Doch wie konnte ausgerechnet ein Textprogramm eine solche Bedeutung bekommen?
Wann wurde WordPerfect eigentlich entwickelt?
Die Geschichte von WordPerfect beginnt in den 1970er-Jahren. Das Programm wurde ursprünglich für das Betriebssystem Data General Nova entwickelt und entstand im Umfeld der Brigham Young University.
Die beiden Namen Bruce Bastian und Alan Ashton sind dabei besonders eng mit der Geschichte von WordPerfect verbunden. Bastian arbeitete als Programmierer und Ashton war Informatikprofessor. Gemeinsam entwickelten sie die Software weiter und gründeten später die WordPerfect Corporation.
Der große Durchbruch kam allerdings erst mit dem Aufkommen der Personal Computer.
Denn plötzlich konnten nicht mehr nur große Unternehmen und Universitäten Computer für die Textverarbeitung einsetzen. Auch kleinere Unternehmen und Privatanwender bekamen Zugriff auf leistungsfähige Rechner.
Und genau hier lag die große Chance für WordPerfect.
Warum war WordPerfect damals so erfolgreich?
Heute erscheint es selbstverständlich, dass man ein Dokument öffnet, Text eingibt, Überschriften formatiert und anschließend auf „Drucken“ klickt.
In den frühen Jahren der PC-Textverarbeitung war das keineswegs selbstverständlich.
WordPerfect setzte stark auf Tastaturbefehle und ermöglichte damit eine sehr schnelle Arbeitsweise. Wer die wichtigsten Tastenkombinationen beherrschte, musste nicht ständig mit Menüs arbeiten.
Das war insbesondere für professionelle Anwender interessant, denn Schriftstücke konnten erstellt, formatiert, gespeichert und gedruckt werden, ohne dass man sich durch eine grafische Benutzeroberfläche klicken musste. Für heutige Anwender klingt das vielleicht ungewohnt, für viele erfahrene Computeranwender damals war es dagegen ausgesprochen effizient.
WordPerfect und die DOS-Zeit
Seine ganz große Bedeutung erreichte WordPerfect während der DOS-Ära. Damals war Microsoft Windows noch längst nicht der dominierende Standard, den wir heute kennen. Viele PCs liefen mit MS-DOS, und Programme mussten mit den technischen Möglichkeiten dieser Umgebung auskommen und WordPerfect passte hervorragend in diese Welt.
Das Programm war leistungsfähig, vergleichsweise ressourcenschonend und bot Funktionen, die für professionelle Textverarbeitung wichtig waren. Besonders bekannt wurde WordPerfect unter DOS mit den Versionen WordPerfect 4.x und 5.x.
Die Bedienung war stark auf Tastaturbefehle ausgelegt. Wer häufig mit langen Dokumenten arbeitete, konnte dadurch sehr schnell werden. Genau diese Arbeitsweise trug wesentlich zum guten Ruf von WordPerfect bei.
Warum liebten professionelle Anwender die Reveal Codes?
Eine der bis heute bekanntesten Besonderheiten von WordPerfect sind die sogenannten Reveal Codes. Damit konnte der Anwender sehen, welche Formatierungen tatsächlich im Dokument verwendet wurden.
Das klingt nach einem kleinen Detail. Für längere Dokumente war es aber ausgesprochen praktisch. Wenn beispielsweise eine Überschrift plötzlich eine andere Schriftart hatte oder ein Absatz unerwartet einen großen Abstand aufwies, konnte man die zugrunde liegende Formatierung direkt erkennen.
Bei modernen Textverarbeitungen wird die Formatierung dagegen häufig über verschiedene Ebenen der Benutzeroberfläche gesteuert. WordPerfect verfolgte hier dagegen einen anderen Ansatz und wie Idee dahinter war simpel: Nicht nur das Ergebnis auf dem Bildschirm sollte sichtbar sein, sondern auch die Struktur der Formatierung.
Für professionelle Anwender war das ein starkes Argument.
WordPerfect gegen WordStar und Microsoft Word
WordPerfect war allerdings nicht die erste bekannte Textverarbeitung für PCs.
Vor WordPerfect spielte beispielsweise WordStar eine wichtige Rolle. WordStar gehörte zu den bekanntesten Textverarbeitungen der frühen PC-Ära und wurde ebenfalls stark über Tastaturbefehle bedient. Mit der zunehmenden Verbreitung von WordPerfect verschoben sich die Kräfte jedoch.
WordPerfect konnte sich insbesondere bei professionellen Anwendern eine starke Position aufbauen und später kam dann Microsoft Word hinzu, womit dann eine Entwicklung begann, die für WordPerfect letztlich entscheidend werden sollte und sich negativ auswirkte.
Warum verlor WordPerfect seine dominante Stellung?
Das Ende der WordPerfect-Dominanz lässt sich nicht auf einen einzigen Fehler reduzieren. Ein wichtiger Faktor war der Wandel von DOS zu Windows.
Die grafische Benutzeroberfläche veränderte die Erwartungen der Anwender grundlegend. Programme wurden zunehmend über Menüs, Symbolleisten und später über Multifunktionsleisten bedient. Microsoft konnte diesen Wandel sehr gut für sich nutzen und Microsoft Word entwickelte sich hierbei zu einem wichtigen Bestandteil des Windows-Ökosystems. Mit der zunehmenden Verbreitung von Windows wurde es für Unternehmen immer attraktiver, Word und später Microsoft Office einzusetzen.
WordPerfect musste sich gleichzeitig an eine neue Computerwelt anpassen und dies war schwieriger als es zunächst klingt. Die Stärke von WordPerfect lag ja lange Zeit gerade in seiner effizienten, tastaturorientierten Arbeitsweise. Die neue Windows-Welt verlangte jedoch zunehmend andere Bedienkonzepte.
Die Übernahme durch Novell & Corel
1994 wurde WordPerfect von Novell übernommen. Damit begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Programms. Novell wollte mit WordPerfect und weiteren Produkten eine stärkere Position im Bereich der Office-Software aufbauen. Doch Microsoft hatte sich inzwischen bereits zu stark etabliert, auch durch sehr aggressives Marketing.
Microsoft Office entwickelte sich zu einem immer wichtigeren Softwarepaket für Windows-PCs. Word, Excel und PowerPoint bildeten zunehmend eine gemeinsame Office-Plattform. WordPerfect konnte diese Entwicklung nicht mehr dauerhaft aufhalten.
1996 verkaufte Novell daher die WordPerfect-Produktlinie bereits wieder an Corel, die auch heute noch die Eigentümer der bekannten Office-Software sind.
Warum gibt es WordPerfect heute noch?
Das ist vielleicht der interessanteste Teil der Geschichte. WordPerfect ist nicht etwa einfach verschwunden wie so viele andere Programme von damals. Corel entwickelte die Software weiter und integrierte sie in die Office-Suite WordPerfect Office.
Damit existiert WordPerfect auch heute noch. Allerdings ist die Situation natürlich durchaus eine völlig andere als in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren. WordPerfect ist heute längst kein dominierender Standard mehr. Microsoft Word und Microsoft 365 haben den Office-Markt weitgehend geprägt wie wir alle wissen, selbst wenn nicht jeder die Begeisterung für Word & Co teilt.
Trotzdem gibt es weiterhin Anwender, die WordPerfect bewusst einsetzen. Und das hat (gute) Gründe.
Für wen kann WordPerfect heute noch interessant sein?
WordPerfect ist vor allem dann interessant, wenn du bestimmte Funktionen oder eine bestimmte Arbeitsweise bevorzugst.
Dazu gehören beispielsweise die angesprochenen Reveal Codes, aber auch die umfangreichen Möglichkeiten bei langen Dokumenten und die teilweise sehr präzise Kontrolle über die Dokumentformatierung.
Auch Anwender, die WordPerfect bereits seit vielen Jahren kennen, können einen guten Grund haben, nicht auf Microsoft Word umzusteigen. Denn Software ist nicht automatisch besser, nur weil sie weiter verbreitet ist.
Wenn du mit einem Programm schnell und zuverlässig arbeiten kannst, ist das ein durchaus wichtiger Vorteil und so bleibt mancher seinem WordPerfect auch in 2026 weiterhin treu.
WordPerfect im Jahr 2026
Heute ist WordPerfect eine interessante Mischung aus Computerhistorie und weiterhin gepflegter Software. Die aktuelle Produktfamilie WordPerfect Office richtet sich nicht mehr an den Massenmarkt wie zu den großen Zeiten der DOS-Textverarbeitung.
Sie versucht vielmehr, bestimmte Anwender mit Funktionen anzusprechen, die über die klassische Textverarbeitung hinausgehen.
Dabei sollte man allerdings einen Punkt wissen, bevor man sich näher mit dem aktuellen WordPerfect Office beschäftigt:
Die Benutzeroberfläche ist derzeit nicht auf Deutsch verfügbar. WordPerfect Office wird mit einer englischen bzw. französischen Benutzerumgebung angeboten. Für deutsche Anwender kann das eine durchaus relevante Einschränkung sein.
Die Sprache der Dokumente ist davon natürlich zu unterscheiden. Entscheidend ist hier die Sprache der Benutzeroberfläche und der Programmbedienung.
Warum WordPerfect trotzdem einen Blick wert ist
Für mich ist WordPerfect deshalb interessant, weil die Geschichte zeigt, wie schnell sich die Computerwelt verändern kann.
In den 1980er-Jahren war WordPerfect eine der wichtigsten Anwendungen auf dem PC.
Heute muss man erklären, was WordPerfect überhaupt ist. Und genau deshalb lohnt sich ein Blick zurück.
Denn viele Funktionen, die damals entwickelt wurden, hatten einen ganz praktischen Hintergrund. Es ging nicht darum, möglichst viele Menüs und Optionen anzubieten. Es ging darum, lange Dokumente möglichst effizient zu erstellen, zu formatieren und zu kontrollieren.
Das ist auch heute noch eine interessante Idee. Vielleicht ist WordPerfect deshalb weniger ein nostalgisches Stück Softwaregeschichte, als man zunächst denkt.
Mein Fazit: Eine Software, die den PC mitgeprägt hat
WordPerfect gehört zu den Programmen, die die Geschichte des Personal Computers entscheidend mitgeprägt haben.
Die Software war lange Zeit eine der wichtigsten Textverarbeitungen überhaupt, bevor der Wechsel von DOS zu Windows und der Aufstieg von Microsoft Word die Marktverhältnisse grundlegend veränderten.
Heute ist WordPerfect ein Nischenprodukt. Aber es ist eine ungewöhnlich interessante Nische. Denn wer sich mit WordPerfect beschäftigt, entdeckt eine andere Vorstellung davon, wie Textverarbeitung funktionieren kann und vielleicht kann WordPerfect ja cuh heute noch eine sinnvolle Alternative zu Microsoft Word für dich sein.














