Ende der 1960er-Jahre befand sich die Computerindustrie im Wandel. Riesige, raumfüllende Großrechner dominierten noch immer Großkonzerne und Behörden, doch eine neue Welle von Minicomputern begann den Markt zu erobern. Inmitten dieser Umbruchphase betrat Ende 1968 ein Rechner die Bühne, den heute zwar viele jüngere Tech-Enthusiasten kaum noch kennen, der jedoch Geschichte schrieb: die Data General Nova. Noch nie von gehört? Dann bist du nicht alleine damit.
Ein mutiger Aufbruch und eine klare Vision
Die Entstehungsgeschichte der Nova liest sich wie ein klassischer Silicon-Valley-Krimi – obwohl sie sich an der US-Ostküste abspielte. Ed de Castro, ein junger und talentierter Ingenieur beim damaligen Marktführer Digital Equipment Corporation (DEC), hatte entscheidend an der erfolgreichen PDP-8 mitgewirkt. Doch de Castro sah das Potenzial für etwas noch Kompakteres, Schnelleres und Effizienteres.
Als seine Ideen intern auf Skepsis stießen, wagte er zusammen mit einigen Kollegen den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie gründeten Data General mit einem klaren Ziel: Einen 16-Bit-Minicomputer zu entwickeln, der bei hoher Leistung bezahlbar war und in Serienfertigung hergestellt werden konnte. An der Stelle frage ich mich, ob irgendjemand in Deutschland 2026 bei all der Bürokratie und Kosten für Selbstständige und Gründer jemand so etwas wagen würde… aber das wäre ein eigenes Thema.
Technische Innovation auf einer einzigen Platine
Als die Data General Nova auf den Markt kam, setzte sie architektonische Maßstäbe. Während vergleichbare Rechner der Zeit aus komplexen Schränken voller aufwendig verdrahteter Einzelkomponenten bestanden, gelang den Entwicklern ein Meisterstück der Integration: Die gesamte Zentraleinheit (CPU) der Nova fand auf einer einzigen quadratischen Platine von etwa 38 × 38 cm Platz.
Die wichtigsten technischen Eckdaten des Systems:
- 16-Bit-Architektur: Effiziente Datenverarbeitung mit vier Akkumulator-Registern, von denen zwei als Indexregister dienten.
- Hohes Tempo: Mit einer Zykluszeit von anfänglich 800 Nanosekunden gehörte die Nova zu den schnellsten Systemen ihrer Kategorie. Nachfolgemodelle wie die SuperNOVA reduzierten dies später auf bis zu 300 Nanosekunden.
- Robuster Kernspeicher: Der eingesetzte Magnetkernspeicher behielt seine Daten selbst bei einem plötzlichen Stromausfall.
- Modulares Gehäuse: Ein gedruckter Backplane-Bus erlaubte das einfache Einstecken von Erweiterungskarten für Speicher, serielle Schnittstellen oder Festplatten-Controller.
Aggressives Marketing trifft auf harte Realität
Neben der Technik machte Data General vor allem durch selbstbewusstes Auftreten auf sich aufmerksam. Bekannt wurde eine Werbekampagne mit dem Konterfei von Ed de Castro und der Kernbotschaft: Man sei angetreten, um sehr gute Computer zu bauen und damit viel Geld zu verdienen. Diese kompromisslose Orientierung an Leistung und Effizienz spiegelte sich auch im Preis wider: Mit einem Einstiegspreis von unter 10.000 US-Dollar war die Nova für viele Forschungseinrichtungen und Unternehmen erreichbar, die sich zuvor keinen Rechner leisten konnten.
Ihre Zuverlässigkeit und die kompakte Bauweise führten zu unterschiedlichsten Einsatzbereichen. Die Nova steuerte Industrieprozesse, lief in Universitätslaboren und hielt aufgrund ihrer mechanischen Belastbarkeit sogar Einzug auf Kriegsschiffen der US Navy.
Das Erbe der Nova: Einfluss bis in die Moderne
Die Nova-Familie entwickelte sich in den 1970er-Jahren stetig weiter – von der massenhaft produzierten Nova 1200 bis hin zur microNOVA, bei der versucht wurde, die Architektur auf einen einzelnen Mikrochip zu übertragen. Später folgte die 32-Bit-Eclipse-Serie, deren dramatische Entwicklung im berühmten Sachbuch-Klassiker „The Soul of a New Machine, erhältlich hier bei Amazon“ von Tracy Kidder verewigt wurde.
Doch der vielleicht bedeutendste Einfluss der Nova zeigt sich indirekt: Die Entwickler des legendären Xerox Alto – jenes Pointers und Pioniers, der erstmals eine grafische Benutzeroberfläche und eine Maus nutzte – orientierten sich beim Design des Befehlssatzes stark an der Nova-Architektur.
Die Data General Nova war somit weit mehr als nur ein erfolgreicher Minicomputer der 1970er-Jahre. Sie war der Beweis dafür, wie durch mutiges Spinoff-Design, konsequente Miniaturisierung und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis eine ganze Branche nachhaltig geprägt werden kann.
Und was wurde dann aus Data General Nova?
Die Data General Nova verkaufte sich im Laufe ihrer Lebensspanne über 50.000 Mal und war für Data General ein gigantischer finanzieller Erfolg. Dennoch verschwand die Reihe – wie fast die gesamte Minicomputer-Industrie dieser Ära – schrittweise vom Markt.
1. Nachfolger im eigenen Haus: Eclipse & microNOVA
Weiterentwicklung zur Eclipse-Serie: Bereits Mitte der 1970er-Jahre entwickelte Data General die Eclipse-Reihe als direkten Nachfolger. Sie war abwärtskompatibel zur Nova (konnte also den gleichen Code ausführen), bot aber ein moderneres Speichermanagement.
Der Versuch mit der microNOVA (1977): Data General versuchte, die Nova-Architektur auf einen einzelnen Mikrochip zu schrumpfen. Die microNOVA litt jedoch unter Architektur-Limitierungen des Busses, war relativ langsam und kommerziell kein großer Erfolg.
Das letzte Nova-Modell (Nova 4, 1978): Eigentlich sollte bereits die Nova 3 das Ende markieren. Aufgrund der riesigen Nachfrage aus der Industrie brachte Data General 1978 noch die Nova 4 heraus, deren Hardware-Basis im Grunde baugleich mit der kleineren Eclipse S/140 war. Danach lief die Baureihe aus.
2. Der Niedergang der Minicomputer (1980er-Jahre)
In den 1980er-Jahren geriet Data General (wie auch die Konkurrenten DEC oder Wang) von zwei Seiten unter Druck:
Von Oben: Der Trend ging zu 32-Bit-Systemen (wie der Eclipse MV/8000 oder DECs VAX).
Von Unten: Der Durchbruch des IBM PC (1981) und die rasant schneller werdenden Mikroprozessoren (Intel, Motorola) machten teure Minicomputer für die meisten Standardaufgaben schlagartig überflüssig.
Obwohl Data General noch bis in die 1990er-Jahre Unix-Server (AViiON) und Speichersysteme (CLARiiON) baute, verlor das Unternehmen seine alte Strahlkraft.
3. Was von Data General und der Nova blieb
Übernahme durch EMC (1999): 1999 wurde Data General für 1,1 Milliarden US-Dollar von der EMC Corporation gekauft. EMC ging es dabei fast ausschließlich um die erfolgreiche Speicher-Sparte CLARiiON. Die Computer-Sparten wurden komplett eingestellt. (EMC selbst gehört heute zu Dell).
Technisches Erbe: Die Befehlssatz-Architektur der Nova inspirierte die Entwickler des Xerox Alto. Ohne das Design der Nova hätte es die Entwicklung modernster Benutzeroberflächen und Mäuse am Xerox PARC so möglicherweise nicht gegeben.
Museumsstücke: Heute stehen funktionstüchtige Novas in Computermuseen weltweit (wie dem Computer History Museum in Kalifornien oder dem Heinz Nixdorf Forum) und sind bei Sammlern begehrte Klassiker der Minicomputer-Ära.
Data General und die Data General Nova sind auch ein schönes Beispiel für Fortschritt und Wandel in der Welt der Computer. Ganz schnell sind bekannte Namen auch wieder verschwunden.














